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Werdegang der Industrie in Niederösterreich
Die Geschichte der chemischen Industrie Niederösterreichs
steht im engen Zusammenhang mit der Entwicklung der
gesamten Industrie. Die folgende Darstellung geht daher
über die Chemie hinaus und stellt viele allgemeine
Einflussfaktoren und Fakten dar. Betriebe der Kunststoffbranche,
der Lack- und Farbenindustrie oder der Pharmazie sind
häufig noch sehr jung, haben aber oft ihre Wurzeln
in anderen deutlich älteren Industriebranchen.
Als
Vorläufer der chemischen Industrie sind auch
die Drogeriebetriebe zu nennen. Arzneien,
Farben, Planzenschutz- oder Reinigungsmittel - um
nur einige traditionelle Produkte der heutigen chemischen
Industrie zu nennen - werden nachwievor, wenn auch
heute in sehr untergeordneter Bedeutung von Drogisten
auf Anfrage in kleinen Chargen hergestellt.
Niederösterreich zählte im 18. und 19. Jahrhundert
zu den fortgeschrittenen Industrieregionen Kontinentaleuropas.
Ca. 50 % aller Manufakturen der Monarchie lagen um 1790
in Niederösterreich. Der Wert der niederösterreichischen
Industrieproduktion, damals noch inkl. Wien, wurde von
Zeitgenossen für das 1. Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts
auf ein Drittel bis ein Viertel der Industrieproduktion
der gesamten Monarchie geschätzt.
Zwei Standortfaktoren begründeten die industrielle
Entwicklung. Die Nähe zu den Rohstoffvorkommen (Eisen,
Kohle, Holz) und die verfügbaren Energiequellen (ebenfalls
Holz und Wasserkraft) führen zur Industrialisierung
des südwestlichen Teiles Niederösterreichs (Eisenwurzen).
Andererseits förderten die Absatzmöglichkeiten in der
Nähe der Grossstadt Wien die frühe Gründung von Gewerbebetrieben
und später von Konsumgüterindustrie im Wiener Becken.
Schon 1783 lag der Schwerpunkt der Industrialisierung
im Viertel unter dem Wienerwald, das deswegen auch die
Bezeichnung "Industrieviertel" erhielt. Dieses Gebiet
ist auch heute noch der wichtigste Standort der chemischen
Industrie. Einen relativ hohen Industrialisierungsgrad
wies im 18. Jahrhundert auch das Viertel ober dem Wienerwald
auf, grossteils bedingt durch die Betriebe der Eisenwurzen.
Das Waldviertel besass industrielle Ansätze auf Grund
seiner alten grundherrschaftlich organisierten Produktionsstätten
und seiner weitverbreiteten Hausindustrie.
Die technische Revolution des 19. Jahrhunderts
förderte den Ausbau handwerklicher Betriebe und die
Neugründung von Industriewerken nahezu aller Zweige.
1817 war die erste Dampfmaschine in Niederösterreich aufgestellt worden. In der Mitte des 19. Jahrhunderts
war die Dampfkraft nur als Ergänzung zur Wasserkraft
anzusehen, Holz blieb weiterhin der wichtigste Wärmelieferant.
Durch die fortschreitende Verbesserung und Verbilligung
der Produktionstechnik konnte die Produktionskapazität
stark anwachsen.
Betrachtet man die Industriegeschichte Österreichs,
so darf nicht übersehen werden, dass Niederösterreich
mit Wien zu den fortgeschritteneren Regionen Kontinentaleuropas
zu rechnen war. Zur Jahrhundertwende war diese Region
daher auch der industrielle Mittelpunkt der österreichischen
Monarchie, vor allem in der Eisen- und Metallwarenindustrie,
der Nahrungsmittelerzeugung, Holz- und Textilindustrie
sowie der Maschinen- und der Stein- und keramischen
Industrie.
Der Rüstungsbedarf des 1. Weltkrieges führte
zu einer weiteren Industrie-konzentration in Niederösterreich,
unter anderem im Wr. Neustädter Raum.
Die Pulver- und Munitionsfabriken verursachten eine
kaum zu bewältigende Arbeitskräfteansammlung.
Der Zusammenbruch 1918 traf das Land besonders stark.
Abgesehen von den einschneidenden Folgen der Grenzen
im Norden und Osten des Landes, gelang es nicht,
die aufgebaute Industriekapazität zu erhalten und
auf Friedensproduktion umzustellen.
In der Weltwirtschaftskrise des Jahres 1929 war Niederösterreich neben Wien das am schwersten
betroffene Bundesland. Von dem seit vielen Jahrzehnten
in Gang befindlichen Strukturwandel können die vielfältigen
Erscheinungen, die der Krieg und seine Folgen mit
sich brachten, schwer getrennt werden.
Schon im Jahre 1938 begann die Verlagerung des
industriellen Schwergewichtes nach Westen. Der 2. Weltkrieg
führte auch in Niederösterreich zu einer hektischen
Gründungs- und Planungstätigkeit: die Wiener Neustädter
Flugzeugwerke mit teilweise bis zu 23.000 Beschäftigten,
die Flugzeugwerke in Schwechat, Zwölfaxing und Fischamend,
die Flugmotorenwerke Ostmark in Wr. Neudorf, das Nibelungenwerk
in St. Valentin und in späteren Kriegsjahren das Jagdpanzerendverdierungswerk
des Reiches, in dem die Endfertigung von Jagdpanzern
durchgeführt wurde.
Während
des 2. Weltkrieges wurden in Österreich
verschiedene Zweige der Grossindustrie ohne jede Rücksichtnahme
auf die Gegebenheiten mit reiner Rüstungsorientierung
errichtet.
Nicht unbeträchtliche Schäden entstanden während der
Kampfhandlungen durch Verluste von Fertigfabrikaten,
wertvollen Rohstoffen und hochwertigen Werkzeugen. 140
Industriebetriebe wurden völlig zerstört, 90 % des Eisenbahnnetzes
stillgelegt und 641 Brücken ausser Betrieb gesetzt.
Zu Kriegsende war die Rüstungsindustrie
ein Trümmerhaufen. 1944 und 1945 war neben Wien
in erster Linie Niederösterreich von Luftangriffen und von März bis Mai 1945 überdies von zum Teil
erbitterten Kämpfen heimgesucht.
35,2 % der Kriegsschäden an privaten Bauten, 71
% der Bauschäden der Industrie entfielen auf Niederösterreich.
Unter den denkbar grössten Schwierigkeiten
wurde der Wiederaufbau in Angriff genommen. Die
Hauptprobleme, die unmittelbar nach dem Kriegsschluss
neben den baulichen Wiederherstellungsarbeiten in Angriff
genommen werden mussten, waren die Bereitstellung von
Arbeitskräften, die Sicherung des Rohstoffbezuges, die
Wiederherstellung oder Neubeschaffung von Verkehrsmitteln.
Ab Februar 1946 demontierte die Sowjetarmee,
die Niederösterreich bis 1955 besetzt hielt, zahlreiche
Industriebetriebe und transportierte bis 90 % der Maschinen
ab. Sie nahm sodann neben zahlreichen Hotels und landwirtschaftlichen
Betrieben unter dem Titel des "Deutschen Eigentums"
etwa ein Drittel der niederösterreichischen Industriebetriebe
mit 30.000 Beschäftigten, darunter fast die gesamte
Erdölindustrie in Anspruch und führte sie weitgehend
ausserhalb der österreichischen Gesetze (USIA-Betriebe).
Im Juli 1955 zählte die USIA in Niederösterreich in
Industrie- und Gewerbebetrieben 24.897 Arbeiter und
4.051 Angestellte, mehr als ein Viertel aller niederösterreichischen
Industriearbeitsplätze. Dominierend war die Stellung
der USIA insbesondere in den Sektoren Maschinen-, Stahl-
und Eisenbau, Giesserei, Bergbau, Eisenerzeugenden Industrie,
Lederverarbeitung, Glas- und Metallindustrie. Nur zögernd
setzte der Wiederaufbau ein. Erst ab 1955, nach dem
Abzug der Besatzungsmacht kam es zu einer grösseren
Anzahl industrieller Neugründungen.
| Nach Abschluss des Staatsvertrages 1955
konnten in den ersten 10 Jahren 312 Industriebetriebe
neu gegründet bzw. nach Niederösterreich verlagert
werden, die 17.400 Arbeitsplätze schufen. Davon
entfielen 7.300 Beschäftigte auf 19 Mittel- und
Grossbetriebe. Das ergab daher eine Steigerung der
Industriebeschäftigten auf rund 120.000 Arbeitnehmer. |
Heute ist die Grössenstruktur
der chemischen Industrie, wie auch der gesamten niederösterreichischen
Industrie durch eine gute Mischung von Klein-, Mittel-
und Grossbetrieben gekennzeichnet, wobei - mit internationalen
Massstäben gemessen - die Klein- und Mittelbetriebe
zahlenmässig stark überwiegen.
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